Pilze im Darm
Das Candida-Syndrom
Bei vielen Gesundheitsbeschwerden tappt die moderne Medizin auch heute oft noch im Dunkeln.
Viele Menschen leiden an Schwindel, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder an Verdauungsbeschwerden,
ohne dass eine eindeutige Ursache für die Leiden festgestellt werden kann. Für die Betroffenen ist das mitunter frustrierend. Die Zauberformel, die diese Befindlichkeitsstörungen erklärt, scheint seit einigen Jahren gefunden: Pilze im Darm. Die Rede ist vom Hefepilz- oder Candida-Syndrom.
Die Verfechter der Theorie behaupten, durch Antibiotika , Kortison, Hormoneinnahme und kohlenhydratreiche Ernährung komme es zu einer Störung der Bakterienflora im Darm. Die Folge sei eine Ausbreitung von Pilzen aus der Candida-Gruppe. Sie verursachen angeblich eine schleichende Vergiftung durch Gase, Pilzgifte und Alkohole, die dann zu zahlreichen Krankheitssymptomen führt.
Die Invasion der Pilze
Die Geschichte mit dem Candida-Syndrom begann 1976. In diesem Jahr veröffentlichte der Amerikaner C.O. Truss ein Buch "Candida-Hypersensitivitäts-Syndrom".
Seitdem sind zahlreiche weitere Bücher erschienen und in Fernsehsendungen und Zeitungsartikeln
wurde der Mythos von der Invasion der Pilze hochgehalten. Bereits 1986 nahm die Amerikanische
Akademie für Allergologie und Immunologie das Candida-Syndrom unter die Lupe.
Ihr Ergebnis: Das Konzept ist rein "spekulativ und unbewiesen".
Zu einer ähnlichen Aussage kommt 1990 auch das renommierte "New England Journal of Medicin".
In einer Studie konnte nachgewiesen werden, dass sich die angesprochenen Krankheitssymptome
durch eine Behandlung mit einem Anti-Pilzmittel nicht beeinflussen lassen. Eine andere
Untersuchung zeigt, dass chronische Müdigkeit bei 100 Patienten unabhängig davon war,
ob die Personen Pilze im Darm hatten oder nicht. Die erwähnten Pilzgifte konnten bislang
nie nachgewiesen werden. Die von Candida gebildete Gasmenge im Darm beträgt selbst bei einer
relativ hohen Keimzahl von 107 Pilzen pro Gramm Stuhl nur 0,005 Prozent der gesamten im Darm
gebildeten Gase. Ein schmerzhaft gedehnter Blähbauch kann somit nicht von dem Pilz hervorgerufen werden.
Ähnlich gering wie die Gasbildung ist auch die Alkoholbildung.
Wann machen Pilze krank
Unbestritten ist, das Hefepilze in der Mundhöhle, in der Speiseröhre oder bei Frauen in
der Vagina zu Infektionen führen können. Häufig geht diesen Erkrankungen eine allgemeine
Abwehrschwäche z. B. durch eine Antibiotika-Therapie voraus. Die Infektionen sind mit
Anti-Pilzmitteln (Antimykotika) leicht zu behandeln. Bei immungeschwächten Patienten, etwa
nach einer Chemotherapie oder bei Aidskranken, kann es gelegentlich sogar zu lebensbedrohlichen
Infektionen der Organe kommen. Doch hier geht es um Pilze im Darm. Und da liegt der Fall anders.
Sicher ist, dass der alleinige Nachweis von Pilzen im Stuhl kein Anzeichen für eine Erkrankung sein kann.
Bei einer Vielzahl von gesunden Menschen gehören Pilze zur normalen Darmflora. Die Experten streiten
noch über genaue Zahlen. Nach Angaben vieler Fachleute haben zwischen 60 und 70 Prozent der Gesunden
Candida-Arten im Darm. Nach anderen Untersuchungen findet man bei immerhin jedem Vierten Hefen im Stuhl.
Eine eindeutige quantitative Bestimmung der Pilzzahl im Stuhl ist zudem schwierig.
In der Regel werden die Stuhlproben mit der Post verschickt. Sie sind unterschiedlich lange unterwegs
und auch die Temperaturen während des Transportes können erheblich schwanken.
Die Folge: Die Pilze vermehren sich während der Reise mehr oder weniger.
Nach einer Therapie mit einem Antimykotikum verschwinden Candida-Pilze zunächst aus dem Darm.
Nach einigen Tagen kann man aber in aller Regel wieder Pilze nachweisen.
Sie gelangen mit der Nahrung zurück in den Darm. Mit einer "Anti-Pilz-Diät" soll nach Ansicht
der Verfechter des Candida-Syndroms die Pilzbesiedlung im Verdauungstrakt beseitigt bzw. einer
Neubesiedlung vorgebeugt werden. Grundprinzip ist die Reduzierung von Zucker, süßen Früchten und
zuckerhaltigen Getränken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sieht keine Notwendigkeit für die Diät.
Es liegen keine Beweise vor, dass eine zuckerfreie Ernährung einen Einfluss auf die Pilzbesiedlung ausübt.
Lebende Joghurts - was bringen sie?
Die Werbung klingt viel versprechend: Probiotische Joghurts sollen die Zusammensetzung der Darmflora
günstig beeinflussen, die Abwehrkräfte stärken und ganz allgemein für ein besseres Wohlbefinden sorgen.
Den Produkten werden nach dem Herstellungsprozess Bakterienstämme wie zum Beispiel Lactobacillus
acidophilus 1 oder Lactobacillus casei Goldin und Gorbach zugesetzt. Dabei handelt es sich um
Milchsäurebakterien, die aus dem menschlichen Darm isoliert und weitergezüchtet wurden.
Das außergewöhnliche an diesen Keimen: Sie sollen besonders widerstandsfähig gegen Magen- und Gallensäure
sein und dadurch in größeren Mengen in den Dickdarm gelangen, sich dort ansiedeln und das Gleichgewicht
zwischen nützlichen und schädlichen Darmbakterien günstig beeinflussen. Grundlage solcher Werbeversprechen
sind Versuche im Reagenzglas. Hier konnte gezeigt werden, dass sich probiotische Bakterien an Darmzellen
anheften und schädliche Bakterien verdrängen. Ob dieser Mechanismus aber auch im lebenden Menschen
funktioniert, wird von vielen Wissenschaftlern bezweifelt. Nach Ansicht von Prof. Michael Blaut vom
Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam belegen die durchgeführten Experimente nicht,
dass durch Anheftung der probiotischen Keime im Darm eine Anheftung krank machender Keime verhindert
werden kann. Dagegen spricht auch die Tatsache, dass sich die Bakterien nicht dauerhaft im Darm ansiedeln.
Nur solange die Joghurt-Produkte regelmäßig verzehrt werden, sind die Bakterien im Stuhl nachweisbar.
Auf den ersten Blick erscheint die Zahl der Keime in den Joghurts sehr hoch. 108 sind in einem Milliliter
enthalten. Bedenkt man jedoch, dass nur rund 40 Prozent den Dickdarm lebend erreichen und dass 1014 andere
Mikroorganismen im Darm leben, trifft ein Milchsäurebakterium auf 20.000 andere, wenn man täglich einen
Becher Joghurt verzehrt. Eine günstige Beeinflussung des Gleichgewichts halten verschiedene Wissenschaftler
daher für unwahrscheinlich. Offensichtlich bildet sich im Darm eines jeden Menschen eine einzigartige
speziell angepaßte Darmflora aus. Vieles spricht dafür, dass dieser optimale Zustand durch die Zugabe
von Milchsäurebakterien nicht dauerhaft verändert werden kann, zumal davon auszugehen ist, dass die im
Darm natürlich vorkommenden Milchsäurebakterien sehr viel besser an ihre Umgebung angepasst sind als die,
die mit den Milchprodukten aufgenommen werden. Ein weiteres Werbeversprechen der Joghurt-Hersteller:
die probiotischen Keime sollen die Abwehrkräfte stärken. Nach streng wissenschaftlichen Kriterien ist auch
das nicht bewiesen. Zwar konnte ein Einfluss auf das Immunsystem gezeigt werden, ob dieser Einfluss
aber auch tatsächlich zu einer Stärkung und damit zur Verhinderung von Krankheiten führt ist bislang unklar.
Was fehlt, sind Untersuchungen, die probiotische Produkte mit herkömmlichen vergleichen.
Denn auch bei normalen Joghurtbakterien hat man einen Einfluss auf das Immunsystem festgestellt.
Außerdem ist unklar, wie viele Joghurts man essen muss, um eine Effekt zu erzielen.
Fraglich ist auch, ob die Produkte nach Transport und Lagerung im Kühlregal noch genügend lebende
Bakterien enthalten. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist sicher, dass verschiedene
Stämme von Milchsäurebakterien spezifische Wirkungen haben können, nicht jeder Stamm jedoch die gleichen
Eigenschaften aufweisen kann oder all die behaupteten Wirkungen ausübt. Sie empfiehlt deshalb,
Milchsäurebakterien aus verschiedenen Lebensmitteln (Joghurt, Sauerkraut, Kefir) aufzunehmen. Aus
ernährungsphysiologischer Sicht sind sie auf jeden Fall zu empfehlen.
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