Reizmagen und Reizdarm 

Inhalt

1. Einführung
2. Symptome
3. Ursachen
4. Behandlung

Einführung

Häufige Funktionsstörungen von Magen und Darm - immer ungefährlich, häufig lästig, selten einschränkend.

Bei zwei Drittel aller Menschen, die wegen Bauchbeschwerden einen Arzt aufsuchen, kann eine körperliche Erkrankung ( z. B. Entzündung oder Krebs) als Ursache ausgeschlossen werden. Bei den Beschwerden liegen so genannte Funktionsstörungen zugrunde. Diese Funktionsstörungen von Magen bzw. Darm werden Reizmagen bzw. Reizdarm genannt. Die medizinischen Fachbegriffe für Reizmagen sind Funktionelle Dyspepsie und für Reizdarm Colon irritabile (englisch: irritable bowel Syndrome, abgekürzt IBS). 30% aller Menschen geben (gelegentlich) Beschwerden an, die mit der Diagnose eines Reizmagens oder Reizdarms vereinbar sind. Die Häufigkeit der Beschwerden nimmt mit steigendem Alter zu. In den Industrieländern geben Frauen 2-3mal häufiger Reizmagen- oder Reizdarmbeschwerden an als Männer. Die meisten Menschen fühlen sich durch die Symptome des Reizmagens oder Reizdarms weder eingeschränkt noch krank und gehen deswegen nicht zum Arzt. Etwa 25% der Menschen mit den Symptomen von Reizmagen und Reizdarm suchen den Arzt auf. Meist fürchten sie, an einer körperlichen Erkrankung zu leiden. Es handelt sich daher um eines der häufigsten Beschwerdebilder in allgemeinärztlichen Praxen. Nur 1% der Menschen mit diesen Symptomen ist durch die Beschwerden so eingeschränkt, dass sie dauernder Behandlung durch Spezialisten bedürfen. Das Risiko, an einer entzündlichen oder bösartigen Erkrankung von Magen oder Darm zu erkranken ist bei Reizmagen und Reizdarm nicht erhöht.

Symptome

Symptome und Verlauf sind sehr unterschiedlich Nach internationaler Übereinkunft spricht man von Reizmagen bzw. Reizdarm erst, wenn die Beschwerden für mindestens 3 Monate anhalten oder immer wieder ( für Tage oder Wochen) auftreten, und wenn durch medizinische Untersuchungen eine körperliche Erkrankung ( z. B. Magengeschwür, Darmentzündung) als Ursache der Beschwerden ausgeschlossen wurde. Viele Menschen haben sowohl Symptome des Reizmagens als auch des Reizdarms.

Reizmagen:

  • Oberbauchbeschwerden, die im Hungerzustand auftreten bzw. durch Nahrungsaufnahme gebessert werden


  • Nach Nahrungszufuhr: Vorzeitiges Sättigungsgefühl; Völlegefühl; Gefühl des aufgetriebenen Bauches; Übelkeit; Brechreiz bzw. Erbrechen


  • Reizdarm:

  • Bauchschmerzen in Zusammenhang mit: Veränderten Stuhlgewohnheiten ( Durchfälle, Verstopfung oder Wechsel von Durchfällen und Verstopfung); veränderter Stuhlpassage (erschwert; starker Stuhldrang oder Gefühl unvollständiger Entleerung); Schleimbeimengungen im Stuhl; Blähungen bzw. Gefühl des Aufgetriebenseins; Beschwerderückgang nach Stuhlgang


  • Weitere Beschwerden können sein:

  • körperlich: Kopfschmerzen; Gliederschmerzen; Beschwerden im Genitalbereich; Rückenschmerzen; Kloßgefühl im Hals; Gefühl der Atemhemmung; Müdigkeit oder Erschöpfung; Herzrasen oder Herzstolpern; Vermehrtes Schwitzen oder Schweißausbrüche ( heiß oder kalt); Hitzewallungen oder Erröten


  • seelisch: Innere Unruhe, Nervosität, Ängstlichkeit, Anspannung, Niedergeschlagenheit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen


  • Ursachen:

  • Von Mensch zu Mensch unterschiedlich - seelische Faktoren von großer Bedeutung


  • Es gibt keine einheitliche Ursachen von Reizmagen und Reizdarm. Vor allem bei Menschen, die sich durch die Beschwerden eingeschränkt oder krank fühlen, kommen mehrere Faktoren zusammen.


  • Reizstoffe: Natürliche oder künstlich hergestellte Nahrungsmittelbestandteile können bei manchen Menschen die genannten Symptome hervorrufen. So können Milchzucker, Fruchtzucker oder Sorbitol ( nicht resorbierbarer Zuckeralkohol) bzw. Alkohol und Koffein sowie fettreiche Mahlzeiten bei manchen Menschen zu Bauchschmerzen und Durchfällen führen. Milchzucker ist in allen aus Milch hergestellten Nahrungsmitteln enthalten. Fructose und Sorbitol sind als Süßstoffe in vielen "Diabetiker"-Lebensmitteln, kalorienreduzierten Lebensmitteln und Getränken sowie Steinobst enthalten. Bei manchen Menschen kann schon der Genuss von 3 so genannten zuckerfreien Kaugummis ( mit dem Zuckerersatzstoff Sorbit) zu Bauchschmerzen und Durchfall führen. Bauchschmerzen und Blähungen können ebenso durch schwer verdaubare Zucker, die z.B. in Kohlarten oder rohen Zwiebeln enthalten sind, ausgelöst werden. Eine Infektion des Magens durch das Bakterium Helicobacter pylori, das bei der Entstehung von Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren eine wichtige Rolle spielt, hat keine gesicherte Bedeutung für die Entstehung von Reizmagenbeschwerden. Ebenso ist die Besiedelung des Dickdarms mit Hefepilzen (Candida albicans) nicht die Ursache des Reizdarms. Gefühle können ebenfalls Magen und Darm reizen: Ärger kann auf den Magen und den Darm schlagen.


  • Reizbarer Magen und Darm: Es kann eine erhöhte Empfindlichkeit ( erniedrigte Schmerzschwelle) von Magen- bzw. Darmwand vorliegen. Die gleiche Menge Luft im Darm wird von manchen Menschen mit Reizdarm als schmerzhaft empfunden, während sie von anderen Menschen gar nicht wahrgenommen wird. Die Schmerzschwelle des Darms kann bei Frauen während der Monatsblutung erniedrigt sein. Weiterhin können Veränderungen der Motorik (verlangsamte oder beschleunigte Magen-Darmpassage) vorliegen. Die Kontraktionen (Zusammenziehen) der Magen- und Darmmuskeln können verstärkt sein.


  • Reizbarer Mensch: Durch welche Faktoren auch immer die Veränderungen der Magen-Darmfunktion ausgelöst sind, ihre Interpretation und das daraus resultierende Verhalten (subjektiv erlebte Einschränkung; Inanspruchnahme medizinischer Behandlung) wird durch seelische Faktoren bestimmt. Stress sowie Ärger oder Angst führen nicht nur zu Veränderungen der Motorik von Magen und Darm, sie erhöhen auch die Wahrnehmung für Schmerzen. Menschen, die sich wegen der genannten Beschwerden in ärztliche Behandlung begeben, haben oft Angst, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden. Menschen, die sich durch die Symptome sehr eingeschränkt fühlen bzw. auf eine symptomatische medikamentöse Behandlung (siehe Behandlung) nicht ansprechen, haben oft erhebliche persönliche Probleme ( Arbeit, Familie) oder seelische Störungen (Ängste, Depressionen). Auch früherer sexueller Missbrauch kann einen Einfluss auf die Intensität der Beschwerden und die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen haben. Zwischen Großhirn ( Gedanken und Gefühlen) und dem vegetativen Nervensystem bzw. dem enterischen (Magen-Darm) Nervensystem bestehen zahlreiche Verbindungen, welche die Wechselwirkung von Magen/Darm und Psyche als auch das Vorhandensein weiterer körperlicher und seelischer Beschwerden ( siehe Symptome) erklären.


  • Behandlung:

  • Abhängig von Intensität der Beschwerden


  • Gering gradige Beschwerden: Die Beschwerden sind mild und treten nur gelegentlich auf. Der Lebensrhythmus ist durch die Beschwerden nicht beeinträchtigt. In diesen Fällen genügt eine sorgfältige Information über die Harmlosigkeit der Beschwerden. Ergeben sich Hinweise, dass die Symptome durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden, sollten diese eingeschränkt oder vermieden werden. Vor einer übertriebenen Diät ist zu warnen! Auch Menschen mit Milchzuckerunverträglichkeit vertragen oft geringe Mengen Milchzucker (z.B. in Joghurt oder in Hartkäse). Eine vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung (unter Weglassen evtl. unverträglicher Nahrungsmittel) und ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mindestens 2 Liter pro Tag in Form von Mineralwässern und Obstsäften) ist empfehlenswert. Reicht die Nahrung als Ballaststoffquelle nicht aus, kann zusätzlich ein Präparat aus Weizenkleie oder Plantago-Afra-Samenschalen (Indische Flohsamenschale) eingenommen werden. Diese pflanzlichen Präparate haben nicht nur eine positive Wirkung auf eine Verstopfung, sondern sie reduzieren auch manchmal die Häufigkeit von Darmkrämpfen. Ebenfalls anzuraten sind regelmäßige körperliche Bewegung (Ausdauersport) und Herstellung eines seelischen Gleichgewichtes (z.B. Entspannung, Stressreduktion)


  • Mäßig gradige Beschwerden: Die Beschwerden führen zu einer zeitweisen Beeinträchtigung täglicher Aktivitäten im beruflichen und privaten Bereich. In diesen Fällen ist ergänzend zu den genannten Maßnahmen der Lebensführung eine symptomorientierte medikamentöse Therapie durch den Arzt sinnvoll. Bei Übelkeit, Brechreiz und Völlegefühl :Präparate mit Kümmel, Fenchel, Anis, Artischocken oder Prokinetika (Medikamente, welche die Motorik von Magen und Darm harmonisieren wie Metoclopramid, Cisaprid); bei Schmerzen: Belladonnatinktur, Pfefferminzöl, japanisches Heilpflanzenöl (innerlich oder äußerlich) oder Iberis amara (Bittere Schleifenblume) bzw. Spasmolytika (krampflösende Mittel wie Mebeverin, Butylscopolamin); bei Durchfällen: Loperamid, Cholestyramin oder Opiumtinktur; bei Verstopfung: Flohsamenpräparate, Prokinetika oder osmotisch wirkende Abführmittel (Lactulose); bei Blähungen Karminativa(Kümmel, Fenchel, Anis, bestimmte Gewürze) oder Polysiloxanpräparate. Eine Linderung der Symptome lässt sich auch durch Selbsthypnose, Autogenes Training, Meditation und Biofeedback erreichen. Beim Vorliegen seelischer Belastungen können je nach Art des Problems verschiedene Formen der Psychotherapie (Stressbewältigungstraining, Angstbewältigungstraining) hilfreich sein.


  • Ausgeprägte Beschwerden: Es liegen ständige einschneidende Beeinträchtigungen der beruflichen und privaten Aktivitäten vor. Zusätzlich zu den genannten Maßnahmen ist der Einsatz von Antidepressiva (vor allem bei Schmerzen) und eine intensivierte Psychotherapie sinnvoll. Es ist nachgewiesen, dass Patienten, die nicht ausreichend auf Medikamente ansprechen, von Hypnose (bei Reizdarm) oder einer tiefenpsychologisch fundierten Therapie (bei Reizmagen) profitieren. Neben einer Symptomreduktion kann vor allem eine bessere Lebensqualität (z.B. in Form von vermehrten Aktivitäten) erreicht werden.


  • Deutsche Reizdarmselbsthilfe e.V., Mörikeweg 2, 31303 Burgdorf, Tel. 05136-896106, Fax 05136-873662